Fragen und Antworten

 

 

 

Uns erreichen immer wieder Anfragen zur Geschichte Heidelbergs. Wir versuchen, sie nach bestem Wissen zu beantworten. (Nicht immer haben wir auf alle Fragen ein befriedigende Antwort) Damit auch Andere davon profitieren können, wollen wir die entsprechende Korrespondenz künftig - unter Wahrung der Anonymität der Fragenden - an dieser Stelle veröffentlichen.

 

 

 

 

Menschen mit schwarzer Hautfarbe“

 

 

 

...Ich plane ... einen Artikel über die Geschichte Schwarzer in Heidelberg. Meine bisherige Recherche hat sich sehr schwierig gestaltet und die Experten, die ich kontaktiert habe, konnten mir leider nicht weiterhelfen. Nun wollte ich Sie fragen, ob Sie hierzu eventuell mehr wissen...“ (31. Januar 2021)

 

 

 

 

 

Sehr geehrte Frau ...,

 

 

 

beim ersten Lesen dachte ich, Sie wollen über den familiären Hintergrund von Alice Schwarzer schreiben. Erst dann wurde mir klar, dass Sie Menschen mit schwarzer Hautfarbe meinen. Ich muss Ihnen sagen, dass ich das Thema befremdlich, eigentlich unmöglich finde. Wie soll ein Geschichtsverein wissen, welche Farbe die Haut früherer Menschen hatte? Weder im Pass noch auf dem Grabstein steht ein „N“. Den Rassebegriff haben wir doch längst als untauglich abgelegt. Für die Hautfarbe interessieren sich lediglich rassistisch eingestellte Zeitgenossen oder haben sich in der Vergangenheit dafür interessiert.

 

 

 

Ihr Thema könnte demnach lauten: Geschichte des gegen Schwarze gerichteten Rassismus in Heidelberg. Klarheit herrschte damit aber immer noch nicht. Denn wann ist eine Haut schwarz? Es gibt unendlich viele Tönungen und Schattierungen. Sie müssten also Erdteile nennen: Geschichte des gegen Afrikaner und Afroamerikanerinnen gerichteten Rassismus in Heidelberg. Diesen Titel würde Ihnen Ihre Redaktion gewiss als zu lang ablehnen, und Sie hätten immer noch die vielen dunkelhäutigen Asiaten ausgeschlossen, die ebenfalls rassistisch angegriffen werden. Wenn es den Begriff gäbe, könnten Sie vielleicht schreiben: „Geschichte des Hautfarbenrassismus in Heidelberg“.

 

 

 

Zu diesem so oder ähnlich formulierten Thema habe ich im Folgenden ein paar Belege aus der Heidelberger Geschichte zusammengestellt. Sie können sofort erkennen, dass daraus keine fortlaufende Erzählung wird, zumal zu beachten ist, dass nicht jede Darstellung eines dunkelhäutigen Menschen und – jedenfalls nicht in der Vergangenheit – jede Verwendung des N-Worts rassistisch motiviert ist. Das muss jeweils dazu erläutert werden.

 

 

 

In der Kunst des Mittelalters kommt die Hautfarbe hauptsächlich in zwei Zusammenhängen vor: einer der drei Könige und der heilige Mauritius werden als Afrikaner dargestellt. Dank calvinistischen Bilderstürmen haben wir solche Bilder in Heidelberg nicht, außer vielleicht im Kurpfälzischen Museum. Gemeint ist dabei immer, dass die christliche Botschaft sich an Menschen aller Erdteile richtet. Darin ließe sich vielleicht eine eurozentristisch-imperiale Geste erkennen, hier aber „Rassismus“ zu rufen, wäre absurd.

 

 

 

Eine Besonderheit findet sich an der Nordfassade der Jesuitenkirche. Der Ordensmitgründer Franz Xaver hat als Missionar in Indien zehntausende von Kindern getauft. Als Heiligenfigur wird ihm deshalb immer ein Kleinkind beigegeben. Der Künstler der Jesuitenkirche hatte aber sein Lebtag noch nie ein indisches Kind gesehen und stattete die Figur ikonografisch mit afrikanischen Attributen aus. Rassismus? Ich denke eher eine zu belächelnde künstlerische Ungeschicklichkeit.

 

 

 

Der Kampf für die Befreiung der nordamerikanischen Sklaven stieß in Europa auf viel Sympathie. Der Heidelberger Anatom Friedrich Tiedemann verkündete 1837 eine wissenschaftliche Sensation: Die Gehirne der Menschen sind unabhängig von der Hautfarbe völlig gleich.1

 

 

 

Einer der Schüler Tiedemanns war Heinrich Hoffmann, der in seinen späteren „Struwwelpeter“ auch die antirassistische Geschichte von den schwarzen Buben aufnahm. Heute gilt Hoffmanns Pointe als unmöglich, aber den Zeitgenossen war die Botschaft klar: Rassismus gehört bestraft.

 

 

 

1849 erhielt mit James Pennington der erste Afroamerikaner eine Heidelberger Ehrenpromotion.2 Das Hauptmotiv dabei war die Kritik an der Sklaverei. In und nach dem 1. Weltkrieg spielte die rassistische Furcht vor den französischen Kolonialtruppen in ganz Deutschland eine große Rolle. Heidelberger Besonderheiten sind mir nicht bekannt.

 

 

 

1935 versuchte der Heidelberger Theologe Martin Dibelius wieder mit einer Ehrenpromotion ein Zeichen gegen die Rassenhetze der Nationalsozialisten zu setzen. Das Vorhaben hatte aber keine Chance.3

 

 

 

Als Beispiel für den alltäglichen Hautfarbenrassismus der NS-Zeit habe ich den Bericht eines städtischen Fürsorgers gefunden, der eine Sintifamilie im Rohrbacher Armenhaus wegen ihrer Hautfarbe „gehörig zurecht“ wies.4

 

 

 

1945 zogen mit den Befreiern erstmals Afroamerikaner in größerer Zahl in Heidelberg ein. Das fiel auf und wurde in Tagebüchern notiert.5 Ob Sie in der Literatur zu den amerikanischen Truppen in Heidelberg zum Thema Rassismus fündig werden, ist eher unwahrscheinlich; ergiebiger wäre es, sechs Jahrzehnte der Tagespresse durchzugehen. Literarisch ist vielleicht Erica Jong: „Angst vorm Fliegen“ interessant; der Roman spielt teilweise in Heidelberg.

 

 

 

Für die Gegenwart bräuchten Sie ja nur Menschen auf der Straße anzusprechen. Ich habe mit Genuss und Gewinn gelesen Ijoma Mangold: „Das deutsche Krokodil“. Mangold ist hier zur Schule gegangen und in Dossenheim aufgewachsen; er kann in unseren Augen nicht als Schwarzer gelten. Er beschreibt aber mit genauer Beobachtung, dass in Nordamerika ein Tropfen afrikanischen Bluts genügt, um schwarz zu sein, während in der afrikanischen Heimat seines Vaters ein Tropfen europäischen Bluts genügt, um nicht mehr einheimisch zu sein. So sind die Rassismen: überall gleich und doch verschieden.

 

 

 

Ob Sie jetzt noch Lust haben, Ihren Artikel zu schreiben, weiß ich nicht. Falls doch, interessiert mich das Ergebnis.

 

 

 

Hans-Martin Mumm, 31. Januar 2021

 

 

 

Anmerkungen:

 

 

 

1. Friedrich Tiedemann: Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Outangs verglichen, Heidelberg 1837.

 

 

 

2. Ewald Keßler: Sühne für die Schuld Europas : die Ehrenpromotion von James Pennington 1849, in: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 16, 2012, S. 229−240.

 

 

 

3. Ewald Keßler: Ehrenpromotion für einen Gegner der NS-Rassenlehre : ein Vorschlag des Theologen und Hochschullehrers Martin Dibelius 1935, in: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 21, 2017, S. 137−147.

 

 

 

4. Hans-Martin Mumm: „XXII Polizei. Nr. 2 Sicherheit. Massnahmen gegen Zigeuner". Carl Neinhaus und die Heidelberger Sinti 1935/36, in: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 8, 2003/04, S. 89-95, hier S. 93.

 

 

 

5. So z. B. Otto Frommel: Tagebuch: Der Einzug der Amerikaner in Heidelberg, 30. März 1945, in: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 12, 2008, S. 125−129.